Übungsladen fürs Bio-Prekariat

Es ist Sommer in Nord-Neukölln, und ich wünsche mir nichts sehnlicher herbei, als eine repräsentative Gruppe prügelnder Freibad-Jugendlicher. Ich könnte sie gut gebrauchen, denn vor meiner Wohnung tobt ein ganz anderer Kampf. Touristen, Bio-Miliz und jene, die sie wittern, drängen den Stadtteil an den Arsch der Hölle zur Gentrifizierung. Da darf man nicht lange fackeln, da müssen schnell empfindliche Strafen her, damit hier keine Parallelgesellschaften entstehen.

Das Erste, wo die gewalt-toleranten Jugendlichen Hand anlegen könnten, wären die Ausflugsdampfer auf dem Landwehrkanal. Nicht alle, nur die mit dem automatisierten Tonband, das genau vor meinem Balkon sagt: „Die doppelte Anzahl, also 20 Personen …“, um dann auf der Höhe des Wohnzimmers fortzusetzen: „… denn eine solche Sitzung nimmt im Durchschnitt fünf Minuten …“ und schließlich in der Küche hinzuzufügen: „…inklusive Ordnung der Kleider“.

Ich habe lange gebraucht um rauszufinden, worum es hier geht – und seitdem ich es weiß, ist es noch schlimmer: Es geht um Plumpsklos in früheren Arbeiterhäusern im Allgemeinen und um die Stuhlgangdauer im Besonderen, angereichert mit Zahlen und Fakten. Morgen werde ich die Betreiber anrufen, vielleicht können sie ihr Band dieses Jahr ein bisschen früher oder später starten, so dass die Informationen auch mal anderen Anwohnern beim Frühstück zugute kommen. Wenn nichts passiert, kann ich immer noch ein Transparent raushängen: „Ich brauche länger!“

Mein Balkon liegt über dem Maybachufer Markt, den das Fähren-Tonband „Klein-Istanbul“ nennt, was sie bei der Reorganisation ihrer Aufnahme gleich in „Klein-Loneley-Planet“ umbenennen könnten, und an dem es nun auch Bio-Gemüse, Bio-Chai-Lattes, Bio-Massagen und Bio-Musikanten zu kaufen gibt.

Der erste Bioladen Nord-Neuköllns wirbt damit, dass ein Brot hier nicht nur 2,80 Euro kostet, sondern gleichzeitig 2,50 Euro, damit auch arme Menschen sich Bio leisten können. Auch sonst ist der Laden etwas ganz Besonderes: eine „Übungsfirma“ für „Berufsrückkehrer und Einsteiger“, so steht es an der Schaufensterscheibe. Das Tolle an dieser Übungsfirma ist, dass sie im Kiez „Arbeitsplätze“ schafft. Nun gibt es allerhand einzuwenden gegen Arbeitsplätze: Allein das frühe Aufstehen, der wenige Urlaub, doofe Chefs und nervige Kollegen … Das Einzige, was nicht als ganz so schlecht an Arbeitsplätzen gelten kann, ist, dass man dafür Lohn bekommt (natürlich nicht so viel, wie man erarbeitet hat, versteht sich). Der Nord-Neuköllner Bioladen aber ist ein „soziales Projekt“, so steht es auf dem Schild, und als solches hat es diesen entscheidenden Vorteil von Arbeitsplätzen – sagen wir mal – nicht nötig: „Alle, die hier arbeiten, sind Ehrenamtliche und Praktikanten.“ Man kann hier üben, ganz ohne Geld zu arbeiten, das wird sicher in Zukunft eine nicht zu verachtende Kernkompetenz.

Das soziale Projekt ist jedoch „zurzeit leider ohne Fördergelder“. Das ist in der Tat skandalös. Sollten nicht in Zeiten der weltweiten Krise gerade solche Projekte gefördert werden? Von ganz oben? Von der EU oder der Weltbank? Vielleicht sollten aber auch die Berufsrückkehrer etwas dafür bezahlen, dass sie in den Beruf, äh … fast, also, vielleicht, bestimmt, ganz bald, irgendwann zurückkehren. Vielleicht würde das Ohne-Lohn-Arbeiten auch viel mehr wertgeschätzt, wenn man dafür bezahlen müsste. Und Wertschätzung kann der Bioladen immer brauchen: „Um unsere langen Öffnungszeiten zu gewährleisten, suchen wir dringend noch engagierte Menschen, die unser Projekt unterstützen.“ Auch „interessante Ideen und Anregungen sind willkommen.“ Ich will der Kreativität an dieser Stelle nicht zu viel vorgeben (und mich nicht strafbar machen), aber vielleicht fallen Ihnen, liebe Leser, da auch ganz spontane, interessante Ideen ein.

Morgen früh werde ich ein Bio-Brot für arme Menschen kaufen, von meinem Übungsgehalt für Übungsartikel in diversen Übungszeitschriften. Dafür gehe ich zum Bäcker an der Ecke, der sich inzwischen auch das offizielle sechseckige Bio-Siegel auf die Scheibe geklebt hat. Es ist billiger da und geht schneller. Für die Fährenbetreiber und an meine Nachwelt: fünf Minuten. Inklusive Ordnung der Kleider.

Von Ellen Wesemüller, Berliner Zeitung vom 27. August


2 Antworten auf „Übungsladen fürs Bio-Prekariat“


  1. 1 Daniel 07. September 2010 um 9:22 Uhr

    Es ist doch schon erstaunlich, wie schnell Menschen ihren, durch ihre Verhältnisse, gestaute Wut in unkonstruktive Kritik verwandeln können und dabei den Blick auf die Realtität verlieren.
    Wenn man sich genauer mit dem Gedanken beschäftigen würde, fiele einem auf, dass es bei diesem Laden keineswegs um das Produkt der fortgeschrittenen Gentrifizierung Nord-Neuköllns handelt, sondern eben um einen der letzten Pfeiler im Kampfe dagegen.

    - Kein Profitunternehmen
    - Organisation im Kiez, mit dem Kiez
    - Schwerpunkt auf regionale Produkte

    Sich selbst ein Bild zu machen und mit denen zu sprechen, die dies ins Leben gerufen haben, sollte Anspruch eines reflektionierten Menschens sein – Die Meinungsbildung sollte nach der Auseinandersetzung mit dem Thema kommen!
    So würde ich alle dazu einladen, selbst vorbeizukommen und sich von der Projektidee zu überzeugen.

  2. 2 Diepgen 16. Oktober 2010 um 21:36 Uhr

    Auch wenn der Artikel sehr gut geschrieben ist, kann ich Daniel nur zustimmen, dass sich mit dem Objekt der Hassbegierde hier ziemlich genau die Falschen ausgesucht wurden. Ich, als Anwohner, bin den langjährigen Nachbarn jedenfalls recht dankbar, dass sie dieses Projekt gegen eine ganze Reihe von eröffnungswütigen Gentrifizierungskneipieren durchgesetzt haben.

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