Archiv für August 2010

BLU: BIG BANG BIG BOOM

BIG BANG BIG BOOM – the new wall-painted animation by BLU from blu on Vimeo.

via 5dimension

Übungsladen fürs Bio-Prekariat

Es ist Sommer in Nord-Neukölln, und ich wünsche mir nichts sehnlicher herbei, als eine repräsentative Gruppe prügelnder Freibad-Jugendlicher. Ich könnte sie gut gebrauchen, denn vor meiner Wohnung tobt ein ganz anderer Kampf. Touristen, Bio-Miliz und jene, die sie wittern, drängen den Stadtteil an den Arsch der Hölle zur Gentrifizierung. Da darf man nicht lange fackeln, da müssen schnell empfindliche Strafen her, damit hier keine Parallelgesellschaften entstehen.

Das Erste, wo die gewalt-toleranten Jugendlichen Hand anlegen könnten, wären die Ausflugsdampfer auf dem Landwehrkanal. Nicht alle, nur die mit dem automatisierten Tonband, das genau vor meinem Balkon sagt: „Die doppelte Anzahl, also 20 Personen …“, um dann auf der Höhe des Wohnzimmers fortzusetzen: „… denn eine solche Sitzung nimmt im Durchschnitt fünf Minuten …“ und schließlich in der Küche hinzuzufügen: „…inklusive Ordnung der Kleider“.

Ich habe lange gebraucht um rauszufinden, worum es hier geht – und seitdem ich es weiß, ist es noch schlimmer: Es geht um Plumpsklos in früheren Arbeiterhäusern im Allgemeinen und um die Stuhlgangdauer im Besonderen, angereichert mit Zahlen und Fakten. Morgen werde ich die Betreiber anrufen, vielleicht können sie ihr Band dieses Jahr ein bisschen früher oder später starten, so dass die Informationen auch mal anderen Anwohnern beim Frühstück zugute kommen. Wenn nichts passiert, kann ich immer noch ein Transparent raushängen: „Ich brauche länger!“

Mein Balkon liegt über dem Maybachufer Markt, den das Fähren-Tonband „Klein-Istanbul“ nennt, was sie bei der Reorganisation ihrer Aufnahme gleich in „Klein-Loneley-Planet“ umbenennen könnten, und an dem es nun auch Bio-Gemüse, Bio-Chai-Lattes, Bio-Massagen und Bio-Musikanten zu kaufen gibt.

Der erste Bioladen Nord-Neuköllns wirbt damit, dass ein Brot hier nicht nur 2,80 Euro kostet, sondern gleichzeitig 2,50 Euro, damit auch arme Menschen sich Bio leisten können. Auch sonst ist der Laden etwas ganz Besonderes: eine „Übungsfirma“ für „Berufsrückkehrer und Einsteiger“, so steht es an der Schaufensterscheibe. Das Tolle an dieser Übungsfirma ist, dass sie im Kiez „Arbeitsplätze“ schafft. Nun gibt es allerhand einzuwenden gegen Arbeitsplätze: Allein das frühe Aufstehen, der wenige Urlaub, doofe Chefs und nervige Kollegen … Das Einzige, was nicht als ganz so schlecht an Arbeitsplätzen gelten kann, ist, dass man dafür Lohn bekommt (natürlich nicht so viel, wie man erarbeitet hat, versteht sich). Der Nord-Neuköllner Bioladen aber ist ein „soziales Projekt“, so steht es auf dem Schild, und als solches hat es diesen entscheidenden Vorteil von Arbeitsplätzen – sagen wir mal – nicht nötig: „Alle, die hier arbeiten, sind Ehrenamtliche und Praktikanten.“ Man kann hier üben, ganz ohne Geld zu arbeiten, das wird sicher in Zukunft eine nicht zu verachtende Kernkompetenz.

Das soziale Projekt ist jedoch „zurzeit leider ohne Fördergelder“. Das ist in der Tat skandalös. Sollten nicht in Zeiten der weltweiten Krise gerade solche Projekte gefördert werden? Von ganz oben? Von der EU oder der Weltbank? Vielleicht sollten aber auch die Berufsrückkehrer etwas dafür bezahlen, dass sie in den Beruf, äh … fast, also, vielleicht, bestimmt, ganz bald, irgendwann zurückkehren. Vielleicht würde das Ohne-Lohn-Arbeiten auch viel mehr wertgeschätzt, wenn man dafür bezahlen müsste. Und Wertschätzung kann der Bioladen immer brauchen: „Um unsere langen Öffnungszeiten zu gewährleisten, suchen wir dringend noch engagierte Menschen, die unser Projekt unterstützen.“ Auch „interessante Ideen und Anregungen sind willkommen.“ Ich will der Kreativität an dieser Stelle nicht zu viel vorgeben (und mich nicht strafbar machen), aber vielleicht fallen Ihnen, liebe Leser, da auch ganz spontane, interessante Ideen ein.

Morgen früh werde ich ein Bio-Brot für arme Menschen kaufen, von meinem Übungsgehalt für Übungsartikel in diversen Übungszeitschriften. Dafür gehe ich zum Bäcker an der Ecke, der sich inzwischen auch das offizielle sechseckige Bio-Siegel auf die Scheibe geklebt hat. Es ist billiger da und geht schneller. Für die Fährenbetreiber und an meine Nachwelt: fünf Minuten. Inklusive Ordnung der Kleider.

Von Ellen Wesemüller, Berliner Zeitung vom 27. August

2. Hedonistische Wohnungsbesichtigungs-Rallye Berlin

Bremen: 3.Oktober!

Hedonistische Wohnungsbesichtigungs-Rallye Berlin-Friedrichshain

Dorfplatz: Rechtsfreier Raum

Wenn der Notstand zur Routine wird: Keine Pressemeldung ist der gestrige Überfall (anders ist es wirklich nicht mehr zu nennen) der Einsatzhundertschaften der Polizeidirektion 2 (Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf) und 3 (Mitte, Tiergarten und Wedding) auf etwa 20 Personen vor dem Hausprojekt Liebig34 an der Liebigstr. Ecke Rigaerstr. in Berlin-Friedrichshain, wert. Im Rahmen der Amtshilfe ordert der Friedrichshainer Abschnitt 57/58 am Wochenende regelmäßig Einsatzhundertschaften aus anderen Bezirken um die „öffentliche Ordnung“ am polizeilichen HotSpot „Dorfplatz“ sicherzustellen.
Diesmal kamen sie schon kurz vor 21 Uhr, die Sonne war noch nicht untergegangen, die Lage entspannt. Die Helme locker am Gurt tragend, schlüpften rund 15 PolizistInnen aus zwei Wannen um Leute vor dem Projekt aufzuscheuchen. Der Verkehr kam jetzt wirklich mal zum Erliegen.
Ein Mann sitzt lässig auf einer Bank vor der Liebig14 und telefoniert. Drei PolizistInnen nähern sich und fordern den Pass. Der wird sofort gezückt – ohne Mosern, aber auch ohne Angabe von Gründen. Alle anderen werden vom Rest der Beamten in Schach gehalten – schweigend steht man sich gegenüber. „Was ist los?“ fragt eine Frau mit Fahrrad, die sich nicht vorbei traut. Keiner weiß es, liegt nichts vor, unklar – „Is doch immer das gleiche“, meint ein Cafe-Trinker vor der Bäckerei, „– die sind sauer wegen den Autonomen, die hier rumsitzen. Letzte Woche haben sie alle Bänke abgeholt, jetzt stehen neue da – is doch klar, dass sie da rauf haun.“ Na, so klar ist das nicht.
Was denn die Rechtsgrundlage sei, will jemand wissen. Ein freundlicher Bulle gibt Auskunft: „Wir nehmen die Personalien auf, weil wir davon ausgehen, dass der junge Mann auf der Bank, zu dieser gehört bzw. andersrum und hier das öffentliche Straßenland unsachgemäß genutzt wird.“ Aha. Da der Bürgersteig noch locker begehbar ist und die Bank vor der Liebig14 seit Wochen da steht, wird gefragt ob das Ordnungsamt hierüber nicht zu entscheiden hat und ob mal mit dem Hausbesitzer darüber verhandelt wurde. Seit wann ist eigentlich die Polizei für solchen Quatsch zuständig? Praktisch nur wenn davon auszugehen ist, dass Gut und Leben von Dritten auf dem Spiel steht und adhoc eilbedürftig Handlungen erfolgen müssen, die eine Schädigung verhindern. Offensichtlich liegt die Eilbedürftigkeit nicht vor, der Mann muss seine Personalien trotzdem abgeben, die Bank bleibt stehen.
Gegen 22 Uhr, nicht weniger als sechs vollbesetzte Wannen verstopfen den Bersarinplatz. Alle sind am Rauchen und Geschichten erzählen. Eldenaer Str. nochmal eine Wanne; Liebigstr. kurz vor dem Frankfurter Tor und Proskauerstr. das gleiche Bild. Hmm. Sponti, Massenansammlung, Nazialarm? Weit gefehlt. Vor der Liebig34 sitzen weiterhin 20 Personen auf dem Gehweg, labern in Zimmerlautstärke, trinken. Alles ist dunkel, die Laternen sind wohl aus. Plötzlich zwei Wannen aus unterschiedlichen Richtungen. Deutlich schneller als beim ersten Besuch stolpern die KollegInnen aus den Wannen und scheuchen die Leute hoch. Einer ruft „Rennt, rennt – die Bullen“. Ein paar werfen den Eingang zum Hausprojekt zu, verbarrikadieren sich. Die Beamten stemmen sich gegen die Tür, schieben, drücken, setzen mit den TonFas an – alles vergebens. Wieder die Frage von umstehenden PassantInnen „Was ist los? Is was geflogen? Warum wollen sie da rein?“ – Keiner weiß was, unklar, es soll wohl um die Bänke gehen und dass jetzt nach 22 Uhr die Möglichkeit da ist wegen „Ruhestörung“ einzugreifen. „Wenn sie drinnen sind wird ihnen schon was einfallen, um die Hausprojekte zu stressen. Gehen wir lieber auf Nummer sicher.“ meint eine BewohnerIn drinnen.
Wieder die Bäckerei-ExpertInnen von gegenüber: „Das dauert fünf Minuten. Wenn sie nicht reinkommen, haun sie gleich wieder ab – is hier immer so. Gehört dazu.“ Zum Spiel. Und tatsächlich – zwei Minuten dauert das Drücken und dann: Kommando kehrt. Ab in die Wanne und wieder zurück zum Bersarinplatz. Am Dorfplatz kommen auch alle Verscheuchten wieder zusammen – Adrenalinstoß mit Sterni abkühlen, sich setzen, versuchen die laue Sommernacht genießen. Einige gehen – zu stressig, zu blöd um mit dem Bullen und dem ganzen Aufgemotze den Abend zu verbringen. „Auf der Admiralsbrücke sollten sie das mal versuchen, das gäbe einen Riesenaufschrei.“ meint ein Nordneuköllner.
dorfplatz
Während Polizeipräsident Glietsch immer mehr Polizeibeamte fordert, die Strafen für „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ verschärft und Fälle von überzogener Polizeigewalt, z.T. trotz öffentlichem Interesse, nicht ordentlich verfolgt werden, kann jedes Wochenende am HotSpot Dorfplatz dieses absurde Schauspiel bestaunt werden. Eine Einsatzroutine, die zum Ziel hat, die wenige unangepasste Alternativkultur, die diese Stadt noch in Nischen zulässt, auszumerzen. Dass hier Kriegsmetaphern vorherrschen und die Frustration, im Angesicht der unkontrollierbaren Übermacht leinenloser Bullen, immer mehr steigt, ist nachvollziehbar.
Den „rechtsfreien Raum“, der für diese Ecke immer mal wieder von progressiven NutzerInnen des öffentlichen Straßenlandes reklamiert wird – z.B. um illegal Zebrastreifen auf die Straße zu malen, machen sich die Bullen nunmehr selbst zu nutze und agieren nach Belieben, ohne juristischen Widerspruch von den Betroffenen fürchten zu müssen. Die Abscheu sich mit den Mitteln des Systems gegen das System zur Wehr zu setzen, führt offenbar ausweglos in einen ungleichen Kampf, in dem die erfolgreiche Verteidigung des Hausflurs zu euphorischen Siegeshymnen verleitet.

via http://daneben.blogsport.de